Jobkiller KI: Respekt, ja. Angst, nein.
Datum
23.09.2026

Noa Kappert ist im vierten Lehrjahr, Collin Oppliger im ersten. Beide lernen bei uns Informatiker:in EFZ Plattformentwicklung . Und beide schauen der künstlichen Intelligenz bemerkenswert gelassen ins Gesicht.
Früher war die IT-Lehre das Ticket in eine goldene Zukunft. Und heute? Heute lesen wir, dass in den USA die Zahl der jungen Softwareentwicklerinnen und -entwickler seit dem Start von ChatGPT um rund einen Fünftel eingebrochen ist. Höchste Zeit, jene zu fragen, die es angeht.
Sie nutzen KI weniger, als gedacht
Wer erwartet, dass zwei junge Informatik-Lernende den ganzen Tag mit Chatbots plaudern, liegt daneben. Noa nutzt privat ChatGPT und Co. kaum, bezahlte KI-Abos hat keines der beiden. «Ich nutze es eher für die Schule, da ist es dann schon ganz schön praktisch». Aber warum die Zurückhaltung? «Ich will nicht abhängig werden davon. Ich will selbst denken.»
Collin sucht lieber «klassisch» über Google nach Antworten. «Weil ich dort die Ergebnisse nebeneinanderlegen und vergleichen kann.» Genau das könnte auch ein Sprachmodell? Doch Collin will die Übersicht behalten, Fake News und Quellen erkennen.
Ein schönes Beispiel zur Nutzung von Sprachmodellen kommt von Collin. Er ist in der Romandie aufgewachsen, in der deutschen Grammatik ist er nicht perfekt. Also prüft er seine Texte mit LanguageTool. Könnte das ein Chatbot nicht auch? Collin: «Bei ChatGPT kopierst du rein, kopierst raus und bist nicht klüger. LanguageTool hingegen zeigt mir die Fehler, korrigieren muss ich selbst. So lerne ich immer wieder neues dazu.»
Und die Zukunft?
Haben Noa und Collin Angst davor, dass es sie bald schon nicht mehr braucht? Beide sehen sehr wohl, dass sich etwas bewegt. Noa geht davon aus, dass es andere Jobs schneller und härter treffen wird. In Sicherheit wiegt sie das nicht, aber schlaflose Nächte hat sie deshalb keine. Respekt hingegen sehr wohl. Collins grössere Sorge gilt nicht einmal ihm selbst. Er sagt: «Für die weiteren Generationen wird das Risiko immer höher, dass KI auf den Arbeitsmarkt durchschlägt.»
Bemerkenswert ist, dass beide unabhängig voneinander zwei konkrete Stossrichtungen haben, um zukunftsfit zu bleiben: spezialisieren und weiterbilden. Die Informatik sei riesig, sagt Collin. Wer sich in eine nachgefragte Nische vertieft, bleibe gesucht. Noa nennt als Beispiel Cybersecurity.
Die Berufslehre bleibt der Goldstandard
Der Blick von aussen stützt die beiden in ihrer vorsichtig optimistischen Haltung. Die Verbände rechnen damit, dass die Schweiz bis 2033 gegen 54'000 zusätzliche ICT-Fachkräfte ausbilden muss. Die Boomer gehen in Pension, und es kommen weniger Junge nach.
Und die alarmierenden Zahlen aus den USA? Die messen den Berufseinstieg nach dem Studium. Wer dort anfängt, bringt Theorie mit. Das kann eine KI ebenfalls sehr gut. Wer aber eine Lehre macht, sammelt vom ersten Tag an Berufserfahrung im Betrieb. Darum ist das duale System kein Auslaufmodell, sondern der Goldstandard.
Zum Schluss haben wir die beiden gefragt, wo sie sich in zehn Jahren sehen. In der IT, sagen beide unisono, weitergebildet und spezialisiert.